Wertvolle Einsicht in die Patientenakte

Nur wenige nutzen ihr Recht auf Einblick in die Krankenakte. Dabei können die Unterlagen für Patienten wichtig sein – nicht nur bei möglichen Behandlungsfehlern

von Michael Aust, aktualisiert am 15.09.2015

Krankenakten im Archiv: Patienten haben das Recht auf eine komplette Kopie


Die Frau, die Frank Lepolds Nummer gewählt hatte, klang aufgeregt. Sie sei wegen einer Lungenkrankheit im Krankenhaus behandelt worden, erklärte sie dem Patientenberater des Deutschen Patienten Schutzbunds am Telefon. Gerade habe sie den Entlassungsbrief der Klinik erhalten. Die Diagnose darin: offene Tuberkulose. "Das hätte bedeutet", sagt Leopold, "das Krankenhaus hätte sie mit einer der gefährlichsten Infektionskrankheiten der Welt nach Hause geschickt. Die Frau war völlig von den Socken."

Nach einem Gespräch mit der Klinik habe sich die Tuberkulose-Diagnose als Tippfehler herausgestellt. Ein Mitarbeiter der Verwaltung hatte beim Eingeben zwei Buchstaben-Codes verwechselt. So war der verstörende Befund in die Patientenakte und den Entlassungsbrief geraten.

Befunde und Notizen zur Therapie

Nicht nur Kliniken, auch alle niedergelassenen Ärzte in Deutschland sind verpflichtet, eine Krankenakte für jeden Patienten zu führen. Diese muss laut Paragraph 630f des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) "sämtliche aus fachlicher Sicht für die derzeitige und künftige Behandlung wesentlichen Maßnahmen und deren Ergebnisse" festhalten. Neben allen Untersuchungen und Diagnosen gehören dazu auch Laborbefunde, Röntgenbilder und Notizen über Therapieerfolge. Hat der Patient Einverständniserklärungen unterschrieben, etwa zu Zahlungen von Individuellen Gesundheitsleistungen, muss auch das in der Krankenakte verzeichnet sein.

Recht auf Einblick mit Hürden

Meist hat allein der Arzt oder die Klinik den Überblick darüber, welche Daten über den Patienten in elektronischer Form auf dem Praxisrechner oder – ganz altmodisch – im Ordner schlummern. Allerdings darf jeder Patient wissen, was über ihn notiert wurde. Das im Februar 2013 verabschiedete Patientenrechtegesetz (Paragraph 630g, BGB) bestimmt: "Dem Patienten ist auf Verlangen unverzüglich Einsicht in die vollständige, ihn betreffende Patientenakte zu gewähren." Wie der Auskunftsanspruch in die Praxis umgesetzt wird, zeigt der Blick etwa ins Datenschutzgesetz: Demnach darf "unverzüglich" aus pragmatischen Gründen bis zu zwei Wochen bedeuten. Und "Einsicht gewähren" heißt: Der Patient hat ein Recht auf Kopien, für die er bis zu 50 Cent pro Seite zahlen muss, oder eine Daten-CD für zehn bis 15 Euro. Die Akte selbst bleibt im Besitz der jeweiligen Praxis oder der Klinik.

"Das Recht auf Akteneinsicht kann Patienten nur aus zwei Gründen verwehrt werden", erklärt Patientenschützer Lepold. "Entweder, weil in der Behandlungsakte Dinge wie Erbkrankheiten verzeichnet sind, die Belange Dritter betreffen. Oder, weil die Lektüre dem Patienten aus therapeutischer Sicht schaden könnte." Letzteres betrifft fast ausschließlich schwere psychiatrische Erkrankungen.

Schlampige Aktenführung in der Kritik

Die Gesetzeslage ist klar. Trotzdem sind es viele Ärzte offenbar nicht gewohnt, Krankenakten an Patienten herauszugeben – oder überhaupt korrekt zu führen. Zu diesem Urteil kommt zumindest die Stiftung Warentest. In einem aktuellen Test ließ sie Probanden in zwölf Arztpraxen um ihre persönliche Behandlungsakte bitten. Das Ergebnis der Stichprobe: "Sieben von zwölf Akten sind nahezu leer oder sehr lückenhaft. Es fehlen Notizen zu Diagnosen oder Therapien." Das Praxispersonal habe zudem in der Hälfte der Fälle gefragt, wozu man die Dokumente überhaupt brauche.

Sehen, was man unterschrieben hat

"Den Wunsch nach der eigenen Patientenakte muss man nicht begründen", sagt Dörte Elß, Juristin der Verbraucherzentrale Berlin. Es bestehen unterschiedliche Gründe, seine Akte sehen zu wollen. Das beginnt ganz simpel beim Umzug. "Bei einem Arztwechsel – etwa wegen eines Umzugs – sollte man sich die Daten aushändigen lassen, schon um Doppeluntersuchungen zu vermeiden", sagt Elß. Auch wenn man eine komplizierte Diagnose oder Behandlung nicht versteht, kann es helfen, die Hintergründe Schwarz auf Weiß vor sich zu haben.

"Manche Patienten möchten auch wissen, was sie beim ersten Besuch in der Praxis auf dem Erfassungsbogen alles unterschrieben haben", sagt Michaela Schwabe, Expertin der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) in Berlin. Einwilligungserklärungen müssen ebenso wie Briefe anderer Ärzte oder Laborbefunde in der Akte hinterlegt werden. In der Regel müssen Mediziner Akten zehn Jahre lang aufbewahren.

Beweispflicht liegt beim Arzt

Natürlich kann es auch ernstere Gründe dafür geben, einen Blick in die Karten zu verlangen. Wer einen Verdacht auf einen Behandlungsfehler habe, solle darauf zunächst seinen Arzt ansprechen, rät die Verbraucherschützerin. "Falls ein Gespräch nicht weiterführt, lässt man sich am besten die gesamte Akte in Kopie aushändigen. Außerdem sollte man sich die Vollständigkeit der Unterlagen in einer Erklärung schriftlich bestätigen lassen", rät Juristin Elß. In einem möglichen Rechtsstreit könne ein solches Dokument später wichtig sein: "Ist die Akte lückenhaft, liegt die Beweispflicht beim Arzt." Wenn er vergessen hat, eine Behandlung zu dokumentieren, wird davon ausgegangen, dass er sie nicht erbracht hat.

Wer den Verdacht hegt, ein Arzt habe Behandlungen mit der Kasse abgerechnet, die nie gemacht wurden, kann die Eintragungen in der Patientenakte auch mit den Positionen in der sogenannten Patientenquittung vergleichen. Diese Auflistung aller eingereichten Abrechnungen kann man sich außer beim Arzt auch von der Krankenkasse ausstellen lassen. "Der Vergleich kann im Zweifelsfall durchaus Sinn ergeben", sagt Patientenschützer Lepold.

Einblick nach einem Todesfall

Stirbt jemand, haben unter bestimmten Umständen auch Erben und nächste Angehörige das Recht, die Patientenakte einzusehen, etwa wenn Klagen und Schadenersatzansprüche im Raum stehen. Hat der Patient die Einsichtnahme jedoch ausdrücklich oder mutmaßlich ausgeschlossen, besteht kein Anspruch. Grundsätzlich gilt die ärztliche Schweigepflicht über den Tod hinaus. 

Unstimmigkeiten oft leicht klärbar

Hat man die Kopien schließlich erhalten, stellen sich weitere Fragen. Was, wenn Unstimmigkeiten auftauchen oder wichtige Aufzeichnungen fehlen? "Wir raten in aller Regel dazu, das erst mal mit demjenigen klären, der die Akte erstellt hat", sagt Patientenschützer Lepold. Oft handelt es sich – wie im Fall der vermeintlichen Tuberkulose-Patientin – schlicht um einen Tippfehler oder eine Verwechslung. Die Vorschriften für die Dokumentation sind für Mediziner und Klinikverwaltungen heute sehr komplex. "Dabei passieren eine ganze Menge Fehler, die nicht auf Absicht zurückzuführen sind", glaubt Lepold.

Auch beim Lesen von Akten kann es zu Verständnisproblemen kommen. Zwar sind Mediziner laut Gesetz verpflichtet, ihre Notizen in einer lesbaren Handschrift zu schreiben. Trotzdem ist die medizinische Fachsprache von Patientenakten oft für Laien schwer zu entziffern. Zumindest beim Übersetzen von Diagnose-Kürzeln kann die Webseite des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information weiterhelfen. Kostenlose Hilfe beim Lesen von Patientenakten bietet auch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD).

Änderung müssen kenntlich sein

Hat man alles so verstanden, wie es gemeint ist, fragt man sich gelegentlich, ob der Arzt Eintragungen geändert haben könnte. "Berichtigungen in der Patientenakte müssen so vorgenommen werden, dass sowohl das Änderungsdatum als auch der ursprüngliche Inhalt erkennbar sind. So kann der Patient feststellen, ob vom Arzt nachträglich Änderungen vorgenommen wurden", sagt Verbraucherzentrale-Expertin Elß. Diese Regelung beruht ebenfall auf dem Ratientenrechtegesetz im BGB. Im Falle der elektronischen Patientenakte muss durch eine entsprechende Software sichergestellt sein, dass nachträgliche Änderungen erkennbar sind.

Vertrauen auf dem Prüfstand

Er werde oft von Patienten gefragt, ob man es sich mit seinem Arzt verscherzt, wenn man seine Akte einfordert, sagt Patientenschützer Lepold: "Das kommt auf das Arzt-Patienten-Verhältnis an. Im Prinzip wird Ihnen ein vernünftiger Arzt nichts übelnehmen, sie haben schließlich das Recht dazu." Verbraucherschützerin Elß geht noch einen Schritt weiter: "Wenn der Arzt damit ein Problem hat, sollte man auch überlegen, ob das vielleicht der richtige Arzt ist."

 

 

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